Programm

 

Donnerstag, 29. September

Konzertsaal der Universität der Künste
Öffentlicher Vortrag mit Begrüßungsempfang

20:00 Uhr

Frauen - Männer - Grenzen

Alice Schwarzer

Mit dem öffentlichen Gastvortrag „Frauen – Männer – Grenzen“ der Journalistin und Publizistin Alice Schwarzer wird unsere 67. Jahrestagung offiziell eröffnet. Die Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift „Emma“, die durch ihre stets pointierten Thesen und Stellungnahmen und als Buchautorin wohl bekannt ist, greift damit ein altes Thema im hoch brisanten und aktuellen Kontext Integration und Ausgrenzung auf und lädt gleich zu Beginn unserer Tagung dazu ein, sich mit diesen aktuellen Fragestellungen auseinanderzusetzen.

Im Anschluss daran:
Begrüßungsempfang

kostenfrei - Wir bitten Sie um vorherige Anmeldung

 

Freitag, 30. September

Konzertsaal der Universität der Künste
Moderation: Beate Unruh

09:15 Uhr

Begrüßungen

09:30 – 10:30 Uhr

Das Eigene und das Fremde.
Psychische Prozesse der Ausgrenzung und Gewalt

Werner Bohleber

Die psychische Etablierung von Selbst und Anderem ist ein lebenslanger Prozess. Ausgehend von der Bedeutung der Grenze in der seelischen Entwicklung werden pathologische Prozesse der Ausgrenzung dargestellt. In einem zweiten Teil werden diese Ausgrenzungsprozesse anhand von kollektiven Phantasmen von Reinheit und Einheit und den darin zur Wirkung kommenden unbewussten Phantasien beschrieben, die durchsichtig machen können, wie sich dabei ideale Vorstellungen von Gemeinschaft mit ausgrenzender Gewalt verbinden, eine Gewalt, die die Tendenz hat, sich zunehmend zu radikalisieren. Die Grundstruktur dieser Vorstellungswelt finden wir in spezifischen ideologischen Ausformungen immer wieder in Geschichte und Gegenwart..

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

Fusion und Differenzierung
Psychoanalytische Überlegungen zur Arbeit an Grenzen

Christoph E. Walker

Seit alters her sind Entwicklungsprozesse und deren konstruktive wie destruktive Einschreibungen ohne das Wort ‚Grenze’ weder zugänglich noch verstehbar. Die Grenze ist konstitutiv für unser Leben und Zusammenleben. Grenzlinien markieren dabei innere wie äußere Lebenskontexte und deren fortwährende Gefährdung. In vielfältiger Weise stehen diese heute im Focus geo-, gesellschafts- und gesundheitspolitischer, kultureller und religiöser Diskurse und deren Umsetzung. Psychoanalytisches Denken und Handeln reflektieren dabei in besonderer Weise die Bedeutung der Grenze für die ‚conditio humana’. Entlang einer ausführlichen klinischen Fallstudie wird versucht deren Wirkkraft im Spannungsbogen zwischen ‚Grenzsetzung’ und ‚Grenzverwischung’ im Rahmen psychoanalytischen Arbeitens nachzugehen.

12:00 – 13:00 Uhr

Grenzverletzungen bei Bindungstraumatisierungen: Ursachen, Therapie und Prävention

Karl Heinz Brisch

Frühe und schwerwiegende Traumatisierungen schon von Säuglingen und Kleinkindern durch ihre Bindungspersonen führen zu Bindungstraumatisierungen. Diese beeinträchtigen die gesamte Entwicklung dieser Kinder in allen körperlichen, kognitiven, emotionalen und sozialen Funktionen. Sie führen auch zu neurobiologischen Defiziten mit Veränderungen in der Gehirnentwicklung. Die bisherigen Erfahrungen und Forschungsergebnisse der Evaluation zur stationären Intensiv-Psychotherapie dieser Kinder – oftmals auch Pflege- und Adoptivkinder – nach unserem MOSES ® Therapiemodell zeigen Wege zur möglichen ganzheitlichen Heilung dieser Kinder auf. Dabei ist das Thema „Grenzen und Grenzverletzungen“ ein ständiger Fokus während der Behandlung im milieutherapeutischen Kontext der Station sowie in den Einzel- und Gruppenbehandlungen. Das Präventionsprogramm SAFE ® Sichere Ausbildung für Eltern könnte helfen, solche frühen Traumatisierungen zu verhindern und die Teufelskreise der transgenerationale Weitergabe von Grenzverletzungen zu unterbrechen.

13:00 – 14:30 Uhr

Pause

ab 14:30 Uhr

Im Anschluss:
Interne Sitzungen (Logenhaus)

 

Samstag, 01. Oktober

Konzertsaal der Universität der Künste
Moderation: Susanne Walz-Pawlita

09:30 – 10:30 Uhr

Jenseits ethischer Grenzen: Nachdenken über einen dunklen Bereich psychoanalytischer Tätigkeit

Giulietta Tibone

Der offenere Umgang der letzten Jahre mit Beschwerden von Patienten und Kollegen hat ein Licht auf das beunruhigende Phänomen von Verfehlungen und Grenzverletzungen in der psychoanalytischen Praxis geworfen. Der Vortrag behandelt die Fragen der positiven ethischen Fundierung psychoanalytischer Tätigkeit, der Dynamik individueller und kollektiver Abwehr ethischer Diskurse, der Phänomenologie von Beschwerden sowie der Prävention in Praxis und Ausbildung.

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

Äußere und innere Grenzen von Psychotherapie - Befunde der Psychotherapieforschung

Bernhard Strauß

Psychotherapien unterschiedlicher theoretischer Fundierung sind ohne Zweifel wirksam. Zahllose Wirksamkeitsstudien belegen gute Effekte bezogen auf Symptome, interpersonale, struktur- und funktionsbezogene Kriterien. Vielleicht bedingt die positive Befundlage zur Psychotherapie, dass sich in jüngster Zeit Kliniker und Forscher vermehrt mit den Grenzen psychotherapeutischen Handelns befassen, was auch der wesentliche Inhalt dieses Beitrags sein soll. Unter äußeren Grenzen von Psychotherapie werden dabei diverse Barrieren verstanden, die den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung erschweren, wie z.B. soziographische, diagnostische und psychologische Merkmale von Patienten. Innere Grenzen oder Begrenzungen von Psychotherapie zeigen sich zum einen an doch beträchtlichen Raten von Patienten, die sich in Psychotherapien nicht verändern, verschlechtern oder die Behandlung ungeplant vorzeitig beenden. Zu den inneren Grenzen sind auch diverse unerwünschte und Nebenwirkungen von Psychotherapie zu rechnen, die erst in jüngst Zeit systematischer und offener diskutiert werden. Aus den vorliegenden Befunden zu den genannten Grenzen sollen Überlegungen zur „Prävention“ auf unterschiedlichen Ebenen und Forschungsdesiderate abgeleitet werden.

12:00 – 13:00 Uhr

Der Rahmen: Entwicklungsmotor und Ärgernis

Herbert Will

Einleitend diskutiere ich die Begriffe Rahmen, Setting und Spielregel und unterscheide zwischen äußerem Rahmen (den Setting-Variablen) und innerem Rahmen (Haltung, Methode und Technik). In einer kurzen historischen Skizze arbeite ich heraus, wie der Rahmen als elementarer kurativer Faktor des psychoanalytischen Arbeitens entwickelt wird und dadurch fachliche Autorität erhält. Erst diese Autorität macht es möglich, dass der Rahmen zum Entwicklungsmotor des Patienten wird. Sie provoziert aber auch ein Ärgernis. Im Weiteren unterscheide ich den Rahmen des Patienten vom Rahmen des Analytikers und untersuche anhand von Beispielen, wie sie ihn jeweils erleben und konstruieren. Dabei vertrete ich die These, dass der Rahmen vorgegeben ist und zugleich in jeder Stunde neu geschaffen und subjektiv angeeignet wird. Dies bringt Reibungen mit sich. Es zeigt, wie komplex die Bedingungen des Rahmens sind: voller fachlicher Erkenntnisse, Übertragungen, Inszenierungen und Emotionen. Wer es nicht schafft, diese Komplexität anzuerkennen und flexibel mit ihr umzugehen, verfällt in einen ideologischen Umgang damit, sei es, dass der Rahmen verabsolutiert oder dass er in seiner Bedeutung verleugnet wird. Dies illustriere ich anhand einiger Ideologien von Patienten und Analytikern.

13:00 – 14:30 Uhr

Pause

Hinweis auf Parallelveranstaltungen (* PV) am Samstagnachmittag

Kurztitel Ort Uhrzeit
Mehr erfahren PV 1.1 Grenzen in der psychoanalytischen Ausbildung Saal 1
Logenhaus OG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.2 AG Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie Saal 2
Logenhaus OG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.3 AG Psychoanalyse und Gesellschaft Saal 3
Logenhaus OG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.4 Grenzen im therapeutischen Prozess Saal 5
Logenhaus OG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.5 Grenzen im gesellschaftlichen Kontext Saal 6
Logenhaus EG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.6 Forum Aus- und Weiterbildung HNB
Logenhaus EG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.7 Offene AG der Vertrauensleute Raum 1
Logenhaus DG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.8 Forschung Raum 2
Logenhaus DG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 1.9 Migration und Grenzen Loge 1
Logenhaus EG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 2.0 Konzeptualisierung Loge 2
Logenhaus EG
14:30-18:00
Mehr erfahren PV 2.1 Psychoanalyse und Film Kino: Filmkunst 66
kleiner Saal
Bleibtreustr. 12
10623 Berlin
14:30-18:00

* PV 1.1 – Logenhaus, Saal 1, OG
Grenzen in der psychoanalytischen Ausbildung
Moderation: Rupert Martin

14:30 – 18:00 Uhr

Grenzen (in) der Lehranalyse

Diana Pflichhofer

In jüngerer Zeit rücken Grenzverletzungen in Psychoanalysen, auch solche in Lehranalysen stärker in das Bewusstsein der Zunft und damit auch in den Möglichkeitsraum der Reflexion.
Dass Grenzen auch in Lehranalysen missachtet werden, gehört leider schon zu den historischen Anfängen unseres Ausbildungssystems. Warum das geschieht, scheint mir nach wie vor eine wichtige Frage zu sein. Neben individuellen strukturellen Faktoren, die auf beiden Seiten eine Rolle spielen mögen, möchte ich mich in diesem Vortrag mit möglichen institutionellen Schwachstellen beschäftigen. Tatsächlich gelten im Rahmen von Lehranalysen an bestimmten und womöglich entscheidenden Stellen andere Regeln als in Patienten-Analysen ohne Ausbildungs-Hintergrund. Die institutionelle Lehranalyse scheint mitunter den Status eines »heiligen« Objektes zu haben, unhinterfragt, unantastbar. Es wäre hilfreich, wenn wir uns diesbezüglich nicht mit einem Denkverbot belegten und uns fragen dürften, ob ein solches System Nachteile hat und dazu führt, dass u. U. Grenzverletzungen verwischt werden, scheinbar »normal«, also unbedenklich wirken.
Warum halten wir an Nachteilen eines solchen Systems fest? Tatsächlich nur, weil es keine besseren Möglichkeiten gibt? Das Bessere sei, so heißt es, der Feind des Guten. Vielleicht haben wir auch unbewusste Motive, an einem Ausbildungssystem festzuhalten, das die Möglichkeiten einer Lehranalyse stärker begrenzt, als es sein müsste. Könnte es sein, dass gerade bestimmte institutionelle Dynamiken Grenzverletzungen begünstigen?
Vielleicht unterschätzen wir den (triebhaften?) Sog, der von Grenzverletzungen ausgeht?

Narzisstische Fallstricke als besondere Herausforderung bei der Durchführung von Lehranalysen: zur Notwendigkeit, die Gefahr von Abstinenzverletzungen zu minimieren

Claudia Frank

Die Qualität der analytischen Ausbildung zu verbessern, bleibt eine beständige Aufgabe. Dazu gehört, die Gefahr von Abstinenzverletzungen zu minimieren. Eine Quelle hierzu liegt im Narzissmus des Analytikers. Um seine eigenen Verführbarkeiten und Korrumpierbarkeiten zu wissen, ist Voraussetzung für analytisches Arbeiten mit dem Patienten. Dann können entsprechende Situationen als solche ggf. erkannt und auf ihre Bedeutung für den jeweiligen Patienten hin untersucht – statt agiert - werden, u.a. mit Hilfe des Durcharbeiten in der Gegenübertragung. Dies gilt natürlich auch für Lehranalysen, wobei hier die Problematik nochmals brisanter ist, da ggf. manipulative Vorgehensweisen tradiert werden. Ziel meines Beitrages ist, die narzisstischen Fallstricke bei der Durchführung von Lehranalysen herauszuarbeiten, um für sie zu sensibilisieren.
Darüber hinaus werden Überlegungen angestellt, wie wir institutionell förderlich einwirken können. Die narzisstischen Fallstricke bleiben eine Herausforderung, um deren bessere Handhabung wir uns gemeinsam weiter bemühen müssen. Dies umfasst m.E. einerseits nach Formen zu suchen, wie wir aus Fehlern lernen können, andererseits auch ein Nein zu vertreten, wo wir Hinweise auf ein potentiell schädliches narzisstisches Agieren am Material sehen und aufzeigen können.

An der Grenze zwischen äußerer Wirklichkeit und Übertragung. Eine empirische Studie, wie Psychoanalytiker*innen das Gutachterverfahren handhaben.

Andreas P. Herrmann, Christiane H. Schleidt, Anna S. Herrmann

Die Auffassung von Rotmann (1992), die Beantragung der Psychotherapie bei der Krankenkasse für die Patient*innen transparenter zu machen und ihnen Einsicht in die Berichte an die Gutachterinnen zu gewähren, wurde durch das Patientenrechtegesetz von 2013 erneut aktuell. Um zu untersuchen wie gegenwärtig mit diesen Fragen umgegangen wird, haben wir einen Online-Fragebogen an die Mitglieder der Münchener Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie verschickt und die Daten anonymisiert ausgewertet. Die Stichprobe von n=147 umfasst sowohl erfahrene Kinder-/Jugend- und Erwachsenenanalytiker*innen als auch Ausbildungskandidat*innen. Es zeigte sich, dass die wenigsten ihre Patient*innen über ihr Recht aufklären, den Bericht lesen zu können. Diejenigen, die Erfahrung damit haben, bewerten dies jedoch als positiv. Die Frage, inwieweit die Übertragung davon beeinflusst wird, wird uneinheitlich eingeschätzt. Für die unterschiedliche Handhabung des Gutachterverfahrens wurden sehr verschiedene Gründe genannt. Die meisten Psychoanalytiker*innen sind der Meinung, dass das Lesen des Berichts dem therapeutischen Prozess schaden oder die Patient*innen verwirren würde. Die guten Erfahrungen derjenigen, die dies tun, geben uns jedoch Anlass, die bisher gängige Praxis zu überdenken. Auf Grund der vorliegenden Daten kann die Bedeutung der Grenze diskutiert werden, an die wir mit dem Antragsverfahren und seinem Einfluss auf die analytische Beziehung stoßen.

Über Grenzen hinweg - neue Aufgaben für die Psychoanalyse?
Fremdheitstoleranz und Ambivalenzfähigkeit als psychoanalytische Entwicklungsaufgabe

Monika Huff-Müller

Migration ist ein Prozess, der eine Überwindung innerer und äußerer Grenzen beinhaltet. In unserer psychotherapeutischen Arbeit machten wir die Erfahrung, dass Verlassen der Heimat deutliche Spuren in der Psyche hinterlassen, sowohl auf der Seite der Flüchtenden als auch auf der Seite der “Begrüßenden“. Einerseits scheint es in unserem Land eine Willkommenskultur zu geben, die von Empathie und Identifikation geprägt ist, andererseits beobachten wir Spaltungsmechanismen und Zurückweisung. Der Migrationsprozess erfordert psychische Anpassungsleistungen auf beiden Seiten. Wie müssen wir Menschen, Institutionen und unsere Gesellschaft ausstatten, um diesen Prozess zu unterstützen? Wie können Gemeinschaftsgefühl und Differenzfähigkeit als konstituierende gestaltende Elemente wirken, damit aus Grenzen und Mauern Entwicklungsschwellen werden, die von beiden Seiten zu bewältigen sind?
Anhand von aktuellen Fallbeispielen aus Therapie und Supervision sollen Möglichkeiten im Umgang mit Fremdheit und Befremdung dargestellt und der Transfer auf gesellschaftliche Kontexte diskutiert werden.

* PV 1.2 – Logenhaus, Saal 2, OG
AG Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie -
Die Berücksichtigung von Verfahrensaspekten bei behandlungstechnischen Entscheidungen III
Moderation: Anne A. Springer

14:30 – 18:00 Uhr

„Wie die Begrenztheit dem Prozess helfen kann“ - Fallvorstellung Kristina Frederking

Anne A. Springer, Birgitta Rüth-Behr, Eeva-Kristina Akkanen-vom Stein, Stephan Alder, Kristina Frederking , Michael Krenz, Albrecht Stadler, Dieter Wacker, Josefine Lorenzen, Michael Klöpper, Erich Limmer, Bettina Mudrich

Die Veranstaltung ist offen für alle ordentlichen und affiliierten DGPT-Mitglieder und KandidatInnen. Wir freuen uns auf einen regen Austausch!
Da kasuistisch gearbeitet wird ist eine vorherige Anmeldung erforderlich.

* PV 1.3 – Logenhaus, Saal 3, OG
AG Psychoanalyse und Gesellschaft
Moderation: Klaus-Jürgen Bruder, Karsten Münch

14:30 – 18:00 Uhr

"Wer sich selbst und andere kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen" – Erstarrte gesellschaftsübergreifende Grenzziehungen als Blockaden in kulturellen Austausch– und Aneignungsprozessen

Renate Haas

Warum Deutschland im Export von Waffenlieferungen weltweit an dritter Stelle liegt, während die Entwicklung nachhaltig wirkender Bildungskonzepte, durch welche die anhaltenden inner- und zwischenstaatlichen Konflikte im Nahen Osten tendenziell in diskursive und symbolische Konflikte transformiert werden könnten, nach wie vor brachliegt, ist eine Frage, der noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Denn eine solche Transformation wäre doch eine unerlässliche Voraussetzung dafür, die weltweiten Interessenskonflikte überhaupt verhandelbar zu machen.
Der Auslöser bzw. die antreibende Unruhe meiner Überlegungen ist die Einschätzung: Erfahrungen von Gewalt und Vernichtung, die „vom gesellschaftlichen Be¬wusstsein nicht verantwortet werden konnten“ (Beland, 2008, S. 279), wirken als, wie ich mit Fritz Kramer sagen möchte, „historische Abspaltungen“ fort und führen nicht selten zu fixierten Rollenidentifikationen bzw. Rollenzuschreibungen, die eine differenzierte Wahr¬nehmung erschweren. An Beispielen wie der aktuellen Diskussion um Kamel Daouds exponierte Stellungnahme anlässlich der massiven Grenzüberschreitungen in der Silvesternacht in Köln, deren Konfliktdynamik ja keineswegs neu ist, versuche ich zu zeigen, wie gesellschaftsübergreifende Pseudosolidarisierungen nicht anders als Kommunikationsabbrüche sich nolens volens in die Hände spielen zur Verunmöglichung der Bemühungen um interkulturelle „Übergangsräume“ im Sinne Donald W. Winnicotts.

Grenzsetzungen und Überwindung von Grenzen in der Flüchtlingsproblematik – das Beispiel Lateinamerikas aus poststrukturalistischer Sicht

Raina Zimmering

Das was die verschiedensten Formen von Poststrukturalismus mit ganz unterschiedlichen und sich oft widersprechenden Ansätzen verbindet, ist das Anliegen, Grenzen zu überwinden, d.h. feste Strukturen zu dekonstruieren. Jacques Derrida benannte seine Methode sogar nach dieser Grenzüberwindung - die Methode der Dekonstruktion. Alte Denkmuster werden überwunden und als statisch betrachtete Gesellschaftsstrukturen ideell unterlaufen. Besonders deutlich wird das an dem Identitätsbegriff, bei dem der Poststrukturalismus nicht mehr von starren und statischen Identitätskonstruktionen ausgeht, sondern mobile, ständig wechselnde Identitäten und eine permanente Identitätsarbeit präferiert.
Im Vortrag soll herausgearbeitet werden, wie diese theoretische Sicht von der Auflösung starrer Strukturen mit festen Grenzen innerhalb geschlossener Gesellschaften in der gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik sichtbar wird. Flüchtlinge überschreiten geographische, kulturelle und politisch gesetzte Grenzen und bringen Unordnung in die bisher als ewig verstandene Ordnung staatlicher Souveränität, kulturell und politisch geschlossener Gesellschaften und als homogen verstandene Kulturräume. Es soll die Frage gestellt werden, ob damit bisherigen Ordnungsmuster gesellschaftlichen Zusammenlebens in Frage gestellt und durch neue Logiken und neue kulturelle und gesellschaftliche Räume ersetzt werden.
Der Umgang der westlichen Gesellschaften mit der Flüchtlingsproblematik, sowohl der Regierungen als auch großer Teile der Bevölkerung, verdeutlicht die Brüchigkeit und Krisenhaftigkeit, wie auch die Bewegungsstarre der westlichen geschlossenen Gesellschaften, die kein problemlösendes Sich- Verhalten gegenüber den Anforderungen der selbst erzeugten Flüchtlingsproblematik zustande bringen. Die westlichen Gesellschaften sind in dem Netz bisheriger Kapital-, Herrschafts- und Unterdrückungslogiken gefangen, die eine konstruktive Lösung der Flüchtlingsproblematik in Frage stellt. Der Vortrag will analysieren, ob unter diesen Bedingungen die Versuche zur Integration von Flüchtlingen und vor allem der Bekämpfung der Flüchtlingsursachen in den Herkunftsländern eine Chance auf Erfolg hat. Es wird gefragt, ob Maßnahmen zur Bekämpfung der Flüchtlingskrise wie die Behandlung der Flüchtlingsfrage als Frage der inneren Sicherheit, wie die Verschiebung der Migrationsgrenzen nach außen in Staaten fragiler Staatlichkeit, die militärische Abschottung und die Deportation von Flüchtenden Fluchtursachen bekämpfen können oder regenerierend wirken. Auch soll die Problematik eines anwachsenden Rassismus und xenophober Einstellungen unter der Bevölkerung im Inneren und nach außen die Zusammenarbeit der westlichen Regierungen und das arbeitsteilige Vorgehen mit autokratischen repressiven Regimen, paramilitärischen Gruppen bis hin zum organisierten Verbrechen angesprochen werden.
Im Vortrag soll auch die Frage thematisiert werden, welche Gegentendenzen zu den Verhaltensweisen in westlichen Gesellschaften durch die Flüchtenden selbst und mit ihnen verbundener Gruppen in den Aufnahmeländern sichtbar werden. Hierfür ist der theoretische Ansatz der Postmigrationsforschung bedeutend, der davon ausgeht, dass gegenwärtige Gesellschaften bereits einen Transformationsprozess mit neuen Mustern kultureller Identität und transkultureller Hybridität durchleben, die die Geschlossenheit der Gesellschaften durchbrechen und eine neue Offenheit erzwingen. Wichtig in dieser Hinsicht ist die Herausbildung neuer alternativer Räume, die Diversität, Toleranz, Selbstschutz, Selbstorganisation, das Aufbrechen hierarchischer Machtstrukturen, Gewaltlosigkeit und Solidarität anstreben. Die wechselnden Orte der Flüchtenden, die ständig neuen Herausforderungen und die Begegnung mit immer wieder anderen Gruppen von Flüchtenden schaffen mobile Identitäten und erfordern eine permanente Identitätsarbeit, die die Kultur in alternativen autonomen Räumen prägt. Dies soll an den Beispielen der Borderline-Culture im Grenzraum zwischen Mexiko und den USA, am Beispiel der NGO der „Mütter der verschwundenen Migranten“ aus zentralamerikanischen Staaten und der zapatistischen Gemeinden in Mexiko, die größtenteils aus Binnenmigranten entstanden, analysiert werden. Es wird die Frage gestellt, ob diese alternative Form des Zusammenlebens in autonomen Räumen der Geflüchteten Ermöglichungsbedingung für hybride und transkulturelle Gesellschaften sein kann, die eine Herausforderung zur Überwindung von inneren und äußeren kulturellen und politischen Grenzen und zur Öffnung von Gesellschaften darstellt.


Bedingungen des Erzählens und Möglichkeiten der Kommunikation geflüchteter Menschen in „grenzwertigen“ Zeiten?

Monique Kaulertz

In der „narrativen Psychologie“ wird dem Erzählen eine ganz besondere Bedeutung für das menschliche Leben und gegenseitiges Verstehen beigemessen. Durch das Erzählen bzw. das Zuhören wird eine Anerkennung des „Anderen“ - und insbesondere von Leiderfahrungen - als möglich angesehen. Doch werden „Flüchtlinge“ mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, was ihre persönlichen Erzählungen angeht. In der Asylanhörung müssen sie ihre Fluchtgründe unter schwierigen Bedingungen glaubhaft darlegen. Im Alltag außerhalb der Anhörung erscheinen eher andere als Fürsprecher der „stimmlosen“ Flüchtlinge – von ihnen selbst hingegen wird oft nicht viel mehr als Schweigen erwartet. Auch traumatische Erlebnisse, sprachliche Schwierigkeiten und institutionelle Routinen des „Grenzregimes“ erschweren Möglichkeiten des Erzählens und gegenseitiger Begegnungen. Andererseits „erobern“ sich Geflüchtete in Konfrontation mit vielerlei Arten von „Grenzen“ und Begrenzungen zunehmend Räume zur öffentlichen Debatte ihrer Interessen. Sie protestieren auf der Straße nicht nur für die Verbesserung ihrer Lebensumstände, sondern auch dafür, gehört und wahrgenommen zu werden.
Diese unterschiedlichen Formen und Anforderungen an das Erzählen bei geflüchteten Menschen werfen viele Fragen auf: Welche Wege und Arten der Kommunikation machen Begegnungen mit geflüchteten Menschen auf Augenhöhe möglich? Was kann in diesem Zusammenhang „Anerkennung“ bedeuten – und was nicht? Welche Bedingungen und Möglichkeiten eröffnen oer verschließen bestimmte Räume für Erzählungen und gleichberechtigte Begegnungen zwischen Geflüchteten und Menschen ohne Fluchthintergrund? Erste Erkenntnisse zu diesen Fragen möchte ich auf dieser Tagung anhand einiger Beispiele vorstellen und diskutieren.


* PV 1.4 – Logenhaus, Saal 5, OG
Grenzen im therapeutischen Prozess
Moderation: Joachim Grefe

14:30 – 18:00 Uhr

Grenzen psychoanalytischen Handelns im stationären Setting

Jürgen Golombek

Psychoanalyse und analytische Psychotherapie decken sich oft mit der Vorstellung hochfrequenten Behandelns und konstituieren damit das Bild der psychoanalytischen Profession. Als Psychoanalytiker kann sich verstehen, wer sich nicht nur mit den inhaltlichen Merkmalen, wie z.B. dem Unbewussten, Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen identifiziert, sondern die normativ vermittelten Regeln des Settings hält. Ein klassisches Setting ist im stationären Rahmen nicht realisierbar. Obwohl analytische Konzepte in der stationären Versorgung durchaus auch lange überwogen, ist auch hier ein Rückgang psychoanalytischer Behandlungsangebote zu verzeichnen.
Der Workshop geht der Frage nach, wie sich eine psychoanalytische Identität im Rahmen des stationären Settings herausbilden und abbilden kann. Kann man guten Gewissens sagen, ich arbeite psychoanalytisch, wenn ich gar nicht das „Reine Gold der Psychoanalyse“ zur Anwendung bringen kann? Wie kann ich den psychoanalytischen Kollegen gegenübertreten, die sich in der Rolle sehen, nur sie behandeln wirklich psychoanalytisch, weil sie ambulant ein anderes Setting anbieten?

Grenzfälle: Struktur und Singularität in der Klinik von "Borderlinern"

Michael Meyer zum Wischen

Die lacanianische und die kleinianische Psychoanalyse wagen sich beide an die Analyse schwerer psychischer Störungen, wobei es wichtige Unterschiede nicht nur in der Praxis, sondern auch der in der Diagnose gibt.
In der Psychoanalyse nach Lacan wird häufig strikt eine Grenze zwischen Psychose, Perversion und Neurose gezogen. Das führt zu einer durchaus produktiven diagnostischen Strenge, andererseits aber auch dazu, dass die Borderline Diagnose vielleicht zu schnell als Widerstand des Analytikers abgetan wird.
In einer kleinianischen Perspektive wird der psychotische Kern jeder psychischen Störung unterstrichen, was dazu ermutigt, selbst mit schwer gestörten psychosenahen und psychotischen Analysanten "klassisch" zu arbeiten. Hier fällt jedoch eine gewisse diagnostische Unschärfe auf, die auch Folgen für die Behandlungspraxis haben könnte.
Lacan hat durchaus von Grenzfällen gesprochen. Seine späte Theoretisierung des Sinthoms (als kreative singuläre Transformation des Symptoms) erlaubt es, einerseits eine konsequente strukturelle Perspektive auf die Klinik beizubehalten, andererseits aber das Besondere der Auseinandersetzung jedes Subjekts mit den Grenzen seiner Struktur zu erfassen.
Grenzfälle weisen in dieser Sicht auf die Grenzen der Struktur als Stütze der Subjektivierung hin und lenken unseren Blick auf die singulären Brüche wie auch Verknüpfungsmöglichkeiten der einzelnen Analysanten.

Setting als Grenze. Modifikationen im Setting als Chance – und wo bleibt die Grenze?

Claudia Marschner

Rahmen und Regeln bilden einen wesentlichen Bestandteil der Therapie, insofern sie den Raum herstellen und begrenzen, in dem sich der therapeutische Prozess entfalten kann. Zum klassischen Setting gehört entweder das Liegen auf der Couch oder bei der tiefenpsychologischen Therapie das Sitzen des therapeutischen Paares. Was aber, wenn sich im Prozess Sequenzen zum Handeln, zum Nachgehen von Bewegungsimpulsen, zum Verändern der Liege- bzw. Sitzposition oder gar zum Aufstehen und gemeinsamen Handlungsdialog herausbilden?
Früher als unerwünschtes Ausagieren (acting out) angesehen, lassen sich jedoch durch verschiedene Formen von Handlungsdialogen und körperbezogenen Techniken (enactment, acting in) fruchtbare Modifikationen des Settings vornehmen, die vor allem bei frühen Störungen einen Beitrag zum Erinnern, Wiederholen und damit Durcharbeiten leisten können. Implizites Beziehungswissen, das als ganzheitlich körperlich-affektives Erleben im seelischen Raum gespeichert ist, aber noch nicht repräsentiert und nicht symbolisiert, ist durch eine Erweiterung des sprachlichen Raumes mitunter eher zugänglich. Körperbezogene Ansätze fördern die Mentalisierung bzw. die Bildung der Alphafunktion (nach Bion) als Voraussetzung für Durcharbeiten und Einsicht und ermöglichen neue korrektive Beziehungserfahrungen.
Elemente aus der Säuglingsforschung, den Neurowissenschaften und der Embodimentforschung werden mit einbezogen. Behandlungstechnische Konsequenzen wie Fokussieren auf die Körperwahrnehmung oder Eingehen auf Bewegungs- und Handlungsimpulse sollen anhand von Fallbeispielen diskutiert, Chancen und Grenzen eines erweiterten Settings überlegt und der Frage nachgegangen werden, wie und wodurch bei einem im Prozess erfolgenden Settingwechsel die Funktionen von Rahmen und Regeln, z.B. Abstinenz, Raum für die Fantasie, dennoch aufrechterhalten werden können.

Das Ringen um die Grenzen in der psychotherapeutischen Behandlung

Andrea Schleu

Auf der interpersonellen Ebene in psychotherapeutischen/-analytischen Beziehungen spiegeln sich intrapsychische Strukturen und Ambivalenzen von Patienten und Psychotherapeuten. Die quantitative und qualitative Analyse von Psychoanalyse- und Beratungsverläufen des Ethikvereins (n=650) zeigt bei Grenzverletzungen entgrenzte, verschmolzene Beziehungsstrukturen. Je deutlicher die Entgrenzung imponiert, desto größer ist die primäre und sekundäre Vulnerabilität und Verletzung der intrapsychischen Grenzen von Patienten und Psychoanalytikern in der Behandlung.
Patienten, die eine entgrenzte Dyade als Beziehungsmodell erfahren und repräsentiert haben, weisen ein erhebliches Risiko auf, die dyadische psychoanalytische Beziehung als schädigende Wiederholung der Erfahrung ihrer Kindheit zu erleben. Solche Patienten bedürfen der flexiblen und authentischen Erfahrung von Grenzen, nicht dagegen starrer Regeladhärenz, da Verletzungs- und Mangelerfahrungen die Entwicklung unterschiedlicher Wahrnehmungs- und Integrationsfunktionen behindern, die so zum Aufbau einer vertrauensvollen psychotherapeutischen Arbeits- und Übertragungsbeziehung nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Der Verlust der Grenze und damit der Abstinenz sind gleichbedeutend mit der Verzerrung oder der Zerstörung der intrapsychischen Struktur und interpersonell gleichbedeutend mit unauflösbaren Verwicklungen, Grenzverletzungen oder Missbrauch in der psychotherapeutischen/-analytischen Beziehung.
Daraus ergibt sich ein schmaler Beziehungskorridor, in dem um die interpersonale Grenze gerungen werden muss, damit sich im weiteren Verlauf Bewegung und Veränderung an den intrapsychischen Grenzen entwickeln kann.


* PV 1.5 – Logenhaus, Saal 6, EG
Grenzen im gesellschaftlichen Kontext
Moderation: Bettina Mudrich

14:30 – 18:00 Uhr

Das Unbehagen in der Gesellschaft oder: die Verschiebung der sozio-strukturellen Grenzen.

Dieter Sandner

Nach seinem Buch „das erschöpfte Selbst“ (2004) hat der französische Soziologe Alain Ehrenberg 2011 ein weiteres Buch veröffentlicht mit dem Titel „das Unbehagen in der Gesellschaft". Darin schildert er das Ergebnis umfangreicher Studien über die sozio-strukturellen Veränderungen der Gesellschaft in den letzten 50 Jahren: Im Zuge der Individualisierung der individuellen Biografien, ihrer Herauslösung aus schützenden sozialen Strukturen sowie der Liberalisierung fast aller gesellschaftlichen Bereiche sei es zu einer grundlegenden Verschiebungen sozio-struktureller Grenzen gekommen. Als Ergebnis dieser strukturellen Veränderung hat sich die individuelle Psychodynamik aller Mitglieder unserer Gesellschaft von "was darf ich tun" zu "wozu bin ich in der Lage zu tun" verändert. Dies drückt sich nach Ehrenberg in einer massiven Zunahme von Depressionen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen aus sowie als Reaktion in einer Veränderung der psychoanalytischen Theorie und Behandlungstechnik.
Im Vortrag werden die sozio-strukturellen Veränderungen im Bereich der Geschlechterbeziehungen, der Bildungsmöglichkeiten, der Arbeitswelt sowie der Familienstruktur und Kindererziehung geschildert und in Beziehung gesetzt zu den „epidemiehaft“ zunehmenden Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Es wird dargelegt, welche psychodynamischen Zusammenhänge aufgrund der Verschiebung sozio-struktureller gesellschaftlicher Grenzen in den Beziehungen zwischen den Menschen gehäuft entstehen und ihren Niederschlag in den geschilderten neuen vermehrt auftretenden psychopathologischen Zustandsbildern finden.

Können Gesprächsgruppen gesellschaftliche Grenzen überschreiten oder grenzen gesellschaftliche Strukturen ihre Wirkmöglichkeiten ein?

Brigitte Mittelsten Scheid

Thema soll die Beziehung zwischen dialogischen Gruppen und Gesellschaft sein, die Frage, ob es eine wechselseitige Wirkung gibt, oder ob nicht die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Konflikte den Kräften, die dialogische Gruppen entfalten können, enge Grenzen setzen. Es soll um die Frage gehen, ob Gespräche verschiedener Formen gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen oder gar Gesellschaften verändern können. Oder gilt eher das Gegenteil, dass die politische Realität Möglichkeiten und Auswirkungen von Gesprächsgruppen einschränken und sie begrenzen?
Ich möchte an ausgewählten Beispielen aus verschiedenen Ländern der Frage der einseitigen oder wechselseitigen Wirkung und Grenzen nachgehen. Die Gruppen unterscheiden sich in ihren Formaten, aber auch in ihren Zielen:
- Ein Ziel ist die Veränderung der umgebenden gesellschaftlichen Strukturen und der eigenen Begrenztheit. Beispiele sollen die verschiedenen Selbsterfahrungsgruppen der 68-er in der BRD und der intendiert-dynamischen Gruppenpsychotherapie der DDR sein. - Ein zweites Ziel ist eine erschreckende Vergangenheit aufzuarbeiten, die Wahrheit herauszufinden und Täter und Opfer bzw. ihre Nachkommen zu versöhnen, z.B.: Die südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommissionen von 1996 – 98 und die sog. Nazareth-Gruppenkonferenzen von deutschen und israelischen PsychoanalytikerInnen.
- Ein drittes Ziel ist die Suche nach Verständigung in Konfliktsituationen zwischen gesellschaftlichen Gruppen oder Staaten, am Beispiel der von D.Bar-On geleiteten Ge-sprächsgruppen zwischen jungen Israelis und Palästinensern. Welche Bedeutung hat das »dialogische Prinzip« für eine Kultur des Friedens (H.-E. Richter) bzw. die Theorie der Großgruppen-Identität V.D.Volkans für die Friedenssicherung.

Vor den Toren der Stadt – von den Grenzen psychoanalytischen Arbeitens auf dem ostdeutschen Land

Ronny Krüger

Wie verändert sich die Psychoanalyse, wenn sie aus der Metropole in eine ländliche und post-sozialistisch geprägte Region wandert? Dieser Beitrag diskutiert den Einfluss sozialer, infrastruktureller, politischer und kultureller Bedingungen auf dem Land auf Selbstverständnis, Methodik und Grenzen psychoanalytischer Praxis. Der Autor betreibt seit einigen Jahren eine psychoanalytische Praxis in der Uckermark, einer ländlichen, sozial schwachen und ostdeutsch sozialisierten Region im Nordosten Brandenburgs und beobachtet Phänomene, die der psychoanalytischen Arbeit spezifische Grenzen setzen und die hier besprochen werden sollen. Neben der Frage der behandlungstechnischen Implikationen dieser Begrenzungen soll vor allem der Einfluss des realen Ortes und des kulturellen Hintergrundes von Analysand und Analytiker auf die Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik im Fokus der Betrachtung stehen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Umgang mit dem Fremden in sich und im anderen gelten.

Analyse im Extrem – transgressive Dynamiken in der Arbeit mit Menschen aus rechtsextremen und salafistischen Milieus

Angelika Ebrecht-Laermann

Der Vortrag präsentiert und reflektiert Erfahrungen aus der diagnostisch-therapeutischen Arbeit mit Patienten, die aus der rechtsextremen bzw. Salafisten-Szene aussteigen wollen. Es geht um Menschen, die sich (bewusst oder unbewusst) in transgressiver Absicht in die eng gesteckten Grenzen einer extrem rechten bzw. islamistischen Ideologie begeben haben, sich dann aber psychisch wie sozial nicht etwa im Unbegrenzten, sondern vielmehr innerhalb sehr enger Grenzen wiederfinden. Gefragt werden soll, ob und wie es ihnen dann gelingen kann, diese eng begrenzten pathologischen Rückzugsorte (Steiner) wiederum in Richtung auf eine größere innere und äußere Freiheit und zugleich realistischere Begrenztheit zu überschreiten. Welchen Beitrag kann Psychoanalyse mit ihren klinischen wie auch metapsychologischen Kompetenzen zur Bewältigung der entsprechenden individuellen und sozialen Pathologien leisten? Vorgestellt und diskutiert werden typische psychische Dynamiken und transgressive Strukturen religiöser und politischer Radikalisierung, sowie der Möglichkeiten ihrer diagnostischen und therapeutischen Bearbeitung.
Der Beitrag entstammt dem Arbeitszusammenhang des Diagnostisch-therapeutischen Netzwerks Extremismus DNE, das seit 2015 als Modellprojekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Gemeinsam mit der Aussteigerhilfe EXIT Deutschland und der Familienberatungsstelle HAYAT ist das DNE Teil des ZDK Gesellschaft für demokratische Kultur (Leitung Dr. Bernd Wagner).

* PV 1.6 – Logenhaus, HNB, EG
Forum Aus- und Weiterbildung
Entgrenzte Ansprüche? - Ideal und Realität in der analytischen Ausbildung
Moderation: Anne Dorrmann, Caroline Drath, Daniela Foohs, Johannes Pries, Kerstin Sischka

14:30 – 18:00 Uhr

Ergebnisse aus der Umfrage: Die KandidatInnen-Sicht auf die psychoanalytisch- tiefenpsychologische Institutsausbildung - Bewahrenswertes und Veränderungswürdiges

Johannes Pries, Kerstin Sischka

Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit etwas Unbegreiflichen: Dem Unbewussten. So mag man argumentieren, dass z.B. die Quantenphysik ähnlich unbegreiflich ist. Im Gegensatz zu dieser besteht das Messinstrument der Psychoanalyse jedoch nicht aus hochpräzisierten Gerätschaften, sondern in der Person des Analytikers/ der Analytikerin selbst. Dieser Umstand scheint zu Idealvorstellungen über die Person des Analytikers/ der Analytikerin einzuladen. So besteht die Gefahr, Ausbildungsanforderungen (persönliche Eignung, finanzielle und zeitliche Opferbereitschaft) an die eigene Person (bzw. an die Auszubildenden) zu stellen, welche die Grenzen des Individuums überschreiten. Wie weit kann es im Rahmen der Ausbildung gelingen, sowohl auf Seiten der Auszubildenden, als auch auf Seiten der Lehranalytiker, die eigene und fremde Begrenztheit und die damit verbundene Kränkung und Endidealisierung zu ertragen, anzuerkennen und nutzbar zu machen? Wir möchten mit Euch der Frage nachgehen, wie wir als Ausbildungskandidat*innen mit den eigenen Grenzen umgehen und wie diese an den Instituten Beachtung finden.
Welche Grenzen beinhaltet die Ausbildung selbst und welche Möglichkeiten des Umgangs bieten sich?
Impulse zu einer gemeinsamen Diskussion werden uns dazu ein Vortrag von Frau Dr. Pflichthofer, sowie Ergebnisse einer Umfrage zur Zufriedenheit der Kandidaten mit der Ausbildung geben.

Idealisieren wir die psychoanalytische Ausbildung?

Diana Pflichhofer

* PV 1.7 – Logenhaus, Raum 1, DG
Offene AG der Vertrauensleute
Moderation: Dirk Hamelmann-Fischer

14:30 – 18:00 Uhr

Diskussion des Vortrages von Giulietta Tibone

Auch auf der Tagung 2016 möchten die Vertrauensleute der DGPT wieder in einer offenen AG in einen Dialog mit den Mitgliedern treten.
Wir werden Zeit haben, den Hauptvortrag von Guilietta Tibone "Jenseits ethischer Grenzen: Nachdenken über einen dunklen Bereich psychoanalytischer Tätigkeit" ausführlicher zu diskutieren. Ausgehend vom Vortrag können daran anschließend in der Gruppe erneut eigene Erfahrungen mit ethischen Grenzsituationen eingebracht und besprochen werden, um jenseits von persönlichen und institutionellen Widerständen den professionellen Umgang mit Fehlern und Grenzverletzungen weiterzuentwickeln..
Alle Mitglieder sind willkommen. Wir freuen uns auch auf einen Austausch mit Vertrauensleuten der Institute, Mitgliedern der Schiedskommissionen, in den Kammern im ethischen Bereich tätigen Kollegen sowie Kandidaten.

* PV 1.8 – Logenhaus, Raum 2, DG
Forschung
Moderation: Cord Benecke

14:30 – 18:00 Uhr

Open-topic Closing - eine Untersuchung zu Beendigungen einer psychoanalytischen Kurzzeittherapie

Michael M. Dittmann

Das Thema dieser Arbeit sind Beendigungen einer psychoanalytischen Kurzzeittherapie. Die behandlungstechnische Schwierigkeit, wie Therapiesitzungen mit offenen Themen beendet werden können, wird mit neuartigen Mitteln der Konversationsanalyse als Hilfswissenschaft beschrieben. Konversation wird dabei als manifeste Lösung für implizite Probleme betrachtet. Das Dilemma des open-topic closing versucht zu verdeutlichen, wie ein therapeutisches Gespräch beendet werden kann, wenn zwar die Zeit vorüber, aber das Ziel der therapeutischen Hilfe durch offene Themen noch nicht erreicht ist. Material ist die von der IPA geförderte GAT2-Neu-Transkription des „Studenten“, dessen 28 Behandlungsstunden hier analysiert werden.
HINTERGRUND
Eine grundsätzliche konversationelle Frage ist, warum Teilnehmer einer Therapie nicht einfach zu reden aufhören. Denn Gesprächspausen gibt es ja auch sonst – aber sie sind noch keine Beendigung. Diese kann nur ko-produziert werden, ohne dass der Therapeut aber die hinreichende epistemische Autorität dazu hätte; er hat nur deontische Autorität, die vorschlagsberechtigt, aber zustimmungsbedürftig operiert. Dargestellt werden als Kontraste mundane Beendigungspraktiken, etwa sog. pre-closings, thematische Schließungen, mit denen Teilnehmer sich anzeigen, dass die Beendigung eingeleitet werden soll.
ERGEBNISSE
Ergebnis dieser Arbeit ist, dass kleine evaluative Kommentierungen eingefügt werden, die ich als WETEP (wechselseitige Therapie-Erfolgs-Prüfungen) abkürze. Diese gehören zu den Beendigungsprozeduren in systematischer Weise dazu, werden aber bei bestimmten Situationen, suspendiert.
Es können drei Beendigungstypen in der Untersuchung dieser Behandlung unterschieden werden: kompakte, gedehnte und kommentierte. Bei letzterer Form kommt es zu thematischen Wiedereröffnungen selbst dann, wenn die Beendigungsprozedur soweit gediehen ist, dass nur noch schließende Formeln („wiedersehn – wiedersehn“) gesprochen werden müssten. Der Patient nutzt diese Möglichkeit, um z.B. noch eine Klage anzubringen oder die Initiierungsregeln (dass der Therapeut nur selbst self-disclosures initiieren kann) zu umgehen. Am Ende müssen mundane Diskursregeln koproduktiv reetabliert werden, was eine besondere Herausforderung darstellt. Ziel der Untersuchung ist es, über bisher bekannte Einsichten hinausgehend zu zeigen, wie Therapeut und Patienten mit ihren Äußerungen „ein Ganzes“ tatsächlich produzieren. Diese Produktion zeigt sich, wenn der Therapeut dem Patienten eine kognitive Aufgabe buchstäblich aufgibt, ohne diese zu formulieren. Hier erkennt man deutlich, wie gekonnte Therapeutik, realisiert in Konversationen, mentale Implementierungen vollzieht, die bei der Analyse der Konversationen erkennbar und beschreibbar werden.

Wie unterscheiden sich Migrantinnen und Migranten hinsichtlich psychischer Gesundheit, Akkulturation und Diskriminierungserfahrungen unter Berücksichtigung des Migrationsstatus (1. und 2. Generation)?

Eva Klein

Hintergrund und Zielsetzung: Angesichts des steigenden Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland von über 20 % (Statistisches Bundesamt, 2014) gewinnt die Erforschung von psychosozialen Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit von Migranten und Migrantinnen unter Berücksichtigung des individuellen Integrations- und Migrationsprozesses zunehmend an Relevanz. Obwohl sich die subjektive Beurteilung von psychischer Gesundheit und das gesellschaftliche Rollenverständnis bei Frauen und Männern unterscheiden, wurden Geschlechterdifferenzen in bisherigen Migrationsstichproben unzureichend berücksichtigt. Eine geschlechtssensible Betrachtung von Marginalisierungserfahrungen und erlebter Benachteiligung als psychischer Belastungsfaktor ist notwendig, da Migrantinnen aufgrund psychosozialer Risikofaktoren (z.B. oft niedrigerer Sozialstatus, Rollenkonflikte) zusätzlicher Benachteiligung ausgesetzt sind.
Methode: Es werden migrationsspezifische Variablen (Diskriminierungserfahrungen, Sprachkenntnisse etc.), Persönlichkeitsdispositionen (BIG 5) und sozio-demographische Faktoren in Hinblick auf psychische Gesundheit in einer Stichprobe mit N=3.487 Migranten und Migrantinnen aus dem sozio-ökonomischen Panel (SOEP) im Längsschnitt untersucht. Ferner werden Daten aus einer repräsentativen, einmaligen Schülerbefragung (N=8518) hinsichtlich psychischer Auffälligkeiten anhand des Strengths and Difficulties Questionnaires, Akkulturationsstrategien und gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen analysiert. Mittelwertsunterschiede und Regressionsanalysen zur psychischen Belastung und erlebten Ausgrenzungserfahrungen werden getrennt für Frauen und Männer berechnet.
Ergebnisse: In der Schülerbefragung berichteten Schülerinnen häufiger von internalisierenden Problemen wie Angst und Depression, während Schüler vermehrt externalisierende Verhaltensauffälligkeiten angaben. Insgesamt zeigten sich eine höhere psychische Belastung und eine soziale Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten der ersten Generation. Die Akzeptanz von gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen war bei männlichen Jugendlichen bedeutend höher ausgeprägt als bei weiblichen Jugendlichen und hing in hoher Ausprägung mit externalisierenden psychischen Belastungen (Verhaltensauffälligkeiten) zusammen. Jugendliche Migranten und Migrantinnen, insbesondere mit direktem Migrationshintergrund, stimmten unabhängig vom Geschlecht häufiger dem patriarchalischen Männlichkeitskonzept zu als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. [Die weiteren Auswertungen sind im Prozess].
Diskussion und Ausblick: Die Untersuchung migrationsspezifischer und –unspezifischer Variablen bietet ein vertiefendes Verständnis von der Entwicklung, Interaktion und Bedeutsamkeit verschiedener Einflussfaktoren auf das psychische Wohlergehen von Migrantinnen und Migranten. Durch die Berücksichtigung kultur- und geschlechtsspezifischer Unterschiede wird eine differenzierte Betrachtung der heterogenen Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund ermöglicht.

Philipp, warum zappelst Du? Über die Psychotherapie von externalisierenden Störungen und den Einfluss einer elterlichen psychischen Erkrankung auf Behandlungsaspekte der Kinder

Antje Masemann

In der jüngeren Vergangenheit wurde zunehmend von der Annahme Abstand genommen, die externalisierenden Störungen seien rein organischer Natur. Vielmehr deuten die Befunde zur Plastizität neuronaler Strukturen auf mannigfaltige Beeinflussungsprozesse hin. Bei gegebener Anlage werden phänotypische Ausprägungen des Hirnorgans sowie das Denken, Fühlen und das Verhalten als durch innerpsychische Prozesse, zwischenmenschliche Erfahrungen sowie sonstige Umweltbedingungen beeinflusst angenommen. Hieraus leiten sich Implikationen für die psychotherapeutische Behandlung der hyperkinetischen sowie der Störungen des Sozialverhaltens ab. Dieser kommt insbesondere im Hinblick auf die nicht seltene Manifestation der Symptomatik des Kindes- und Jugendalters hin zu einer Störung der Persönlichkeit im weiteren Verlauf präventive Bedeutung zu.
Vor diesem Hintergrund wird im Vortrag zunächst ein Überblick über die aktuellen wirksamen psychotherapeutischen Behandlungsansätze von externalisierenden Störungen bei Kindern und Jugendlichen gegeben. Darüber hinaus werden die Daten der „Hamburger Studie zur Wirksamkeit psychoanalytischer Behandlungen von Kindern und Jugendlichen“ hinsichtlich des Einflusses elterlicher psychischer Erkrankungen auf den Behandlungsverlauf von Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose einer externalisierenden Störung untersucht.

* PV 1.9 – Logenhaus, Loge 1, EG
Migration und Grenzen
Moderation: Ingrid Rothe-Kirchberger

14:30 – 18:00 Uhr

Vorstellung des Projektes „Jasmin – zwischen Traum und Trauma“

Claudia Burkhardt-Mußmann

Auseinandersetzung mit dem Thema Migration und Mutterschaft seit fast einem Jahrzehnt: 2007 Bestandsaufnahme der Frankfurter Angebote für Migrantenmütter und Kleinkinder, 2008, zusammen mit Marianne Leuzinger-Bohleber und Angelika Wolff Entwicklung des psychoanalytisch fundierten Konzepts „ERSTE SCHRITTE“, einem Gruppenangebot für gerade migrierte Mütter und ihre Kinder im Alter von 0-2, 2010 Umsetzung des Konzepts und Gründung von 10 Gruppen für die Laufzeit von 4 Jahren bei Frankfurter Sprach-und Integrationskurs Anbietern.
Aufbauend auf den Erfahrungen und Grundlagen von ERSTE SCHRITTE, leite ich vom Beginn im Dezember 2014, das Projekt „JasminJ – zwischen Traum und Trauma“, das sich an Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder wendet. Nach der Konzeptentwicklung, zusammen mit
Angesichts der eigenen Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Fremden und Neuen hat sich für mich ein Schwerpunkt entwickelt, der sich mit der Tradition und den Brüchen der Frauen befasst, die ihre Heimat verlassen haben und wie diese die Beziehungsgestaltung zu den Kindern beeinflusst.

Möglichkeiten und Grenzen einmaliger therapeutischer Gespräche mit Geflüchteten in Erstaufnahmeeinrichtungen im Raum Kassel

Gertraud Schlesinger-Kipp

Seit September 2015 hat sich eine Gruppe von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern im und am Alexander-Mitscherlich-Institut gebildet, die in den Hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen in und um Kassel regelmäßige Sprechstunden zur psychiatrischen/psychotherapeutischen Betreuung von Geflüchteten mit Unterstützung des Regierungspräsidiums Kassel anbieten. Gesprächsangebote für die verschiedenen helfenden Berufsgruppen in den Einrichtungen kamen hinzu. Wir verstehen dieses ehrenamtliche Engagement – unabhängig von den Diskussionen um die „Flüchtlingskrise“ und deren politische Bewältigung – als die uns professionell zur Verfügung stehende Möglichkeit, die aus Kriegen und Krisengebieten ankommenden Menschen zu unterstützen. Zudem gibt die aufsuchende, niederschwellige Arbeit in den Einrichtungen oft Frieden und Integration stiftende Impulse.
Mit einem Versuch der Konzeptualisierung der Möglichkeiten und Grenzen oft einmaliger therapeutischer beispielhafter Gespräche möchte ich die Diskussion mit Interessierten anregen, und uns mit den vorhandenen Initiativen vernetzen.
Inzwischen geht dieses Projekt durch die von der Politik geplante Konzentration der nicht mehr so zahlreichen Geflüchteten in großen Einrichtungen und den Wechsel der Verantwortlichkeiten wohl seinem Ende zu. Das Alexander-Mitscherlich-Institut ist bestrebt, diese Erfahrungen in den Aufbau von psychosozialen Zentren für Geflüchtete einzubringen, in denen diejenigen, die noch nicht im Deutschen Gesundheitswesen angekommen sind, psychosoziale Hilfe und Unterstützung finden. Der transkulturelle Übergangsraum nach der Ankunft hier, sollte genutzt werden, um Integration zu ermöglichen.

* PV 2.0 – Logenhaus, Loge 2, EG
Konzeptualisierung
Moderation: Elke Metzner

14:30 – 18:00 Uhr

Psychoanalytische Therapie und Mentalisierungskonzept
Neue Perspektiven und Grenzverschiebungen?

Josef Brockmann, Holger Kirsch

Das Mentalisierungskonzept von Peter Fonagy und Kollegen wurzelt in Psychoanalyse und Bindungstheorie, führt jedoch wichtige Veränderungen in der Behandlungstechnik ein. Seine Anwendung bei Borderline - Persönlichkeitsstörungen ist für den stationären und teilstationären Bereich als Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) erfolgreich evaluiert und beginnt sich zu etablieren.
Die Anwendung des Konzepts in der ambulanten tiefenpsychologischen und analytischen Therapie bei strukturellen Störungen wird diskutiert (z. B. Kirsch, Brockmann + Taubner 2016). Dabei ist psychoanalytische Langzeittherapie im internationalen Vergleich eine Chance des deutschen Gesundheitswesens.
Wir fragen: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen klassisch - psychoanalytischen und mentalisierungsorientierten Ansätzen zeigen sich in der Behandlung struktureller Störungen?
Behandlungstechnische Fragen und Fallbeispiele stehen im Vordergrund.

Über den kreativen Umgang mit den Grenzen des Körpergeschlechts
Psychoanalytische Gedanken zur Transidentität

Elisabeth Imhorst

Nicht wenige Männer und Frauen fühlen sich mit den Grenzen, die ihnen ihr Geschlechtskörper auferlegt, unwohl, fühlen sich dem anderen Geschlecht zugehörig oder beiden Geschlechtern oder ‚dazwischen’, ‚weder noch’ oder ‚mal so mal so’. In der bewussten und/oder der unbewussten Phantasie leben sie in/mit einem anderen Körper, als sie ihn tatsächlich haben. Manch eine(r) kommt damit gut zurecht – auch was seine/ihre Liebes-Beziehungen angeht. Andere sind mit ihrer uneindeutigen/offenen Geschlechtsidentität unglücklich, verstehen sich selbst nicht und kommen zu uns in die Praxis. Sie lassen ihren Geschlechtskörper intakt, wollen keine Operationen oder Hormonbehandlungen, sind eher transident als transsexuell. Welche Hilfe wollen/brauchen sie? Wie lässt sich ihre Problematik psychoanalytisch verstehen? Welche Theorien und Behandlungskonzepte können da hilfreich sein?
Anhand von neueren entwicklungspsychologischen Theorien soll zunächst eingeführt werden in die Problematik der Verarbeitung der Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes. Daran schließt sich eine Fallvignette an über ein Mädchen, das in der Grundschulzeit ein Junge sein will und mit Unterstützung der Eltern und des Klassenlehrers transident lebt, bis es in seinem 11. Lebensjahr wieder als Mädchen leben will. Es soll gezeigt werden, wie, unter welchen Umständen und warum transidentes Verhalten die Entwicklung fördern kann.

"Die Zeit wurde horizontal und kreisförmig...und so versuchte ich diesen Raum zu zeichnen."
Grenzgänge im Werk Alberto Giacomettis

Petra Koellreutter-Strothmann

Ausgehend von Texten, Aufzeichnungen, Skizzen des Künstlers Alberto Giacometti möchte ich Zeichnungen und Skulpturen genauer betrachten. Es sollen Grenzen der Wahrnehmung und Grenzwahrnehmungen im Werk und anhand des Werkes beleuchtet werden und mit psychoanalytischen Konzepten von Kreativität in Bezug gesetzt werden.
Gedacht als Vortrag mit Bildern und Diskussion

* PV 2.1 – Kino Filmkunst 66
Psychoanalyse und Film
Moderation: Dirk Blothner

14:30 – 18:00 Uhr

Filmpsychoanalyse praktisch: Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) (USA 2014)

Dirk Blothner

Birdman ist der große Oscar-Gewinner des Jahres 2015. Er erzählt von dem ehemaligen Action-Darsteller Riggan Thomson (Michael Keaton), der auf dem Broadway mit einem Theaterstück seinen Durchbruch als Künstler sucht. Das inhaltlich wie formal beeindruckende Werk wird gemeinsam angesehen und anschließend einer filmpsychoanalytischen Untersuchung unterzogen. Wirkungsprozesse einzelner Szenen, die Gesamtkomposition und die mythische Ebene des Films werden auf diese Weise herausgearbeitet und diskutiert. Die Teilnehmer erarbeiten sich ein vertieftes Verständnis des Films und seiner Tiefenpsychologie. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, inwiefern Psychotherapeuten und Psychoanalytiker von dem Kunstwerk für das Leben und für die Arbeit lernen können.

   

Sonntag, 02. Oktober

Konzertsaal der Universität der Künste
Moderation: Ingrid Moeslein-Teising

09:30 – 10:30 Uhr

Mütter und Söhne – Grenzen der Liebe und ihre Überschreitung


Mathias Hirsch

Das männliche Opfer einer offenen oder subtilen sexualisierten Mutter-Macht ist ihr idolisiertes, ent-individualisiertes Objekt, indem sie nur sein Geschlecht libidinös besetzt, während der Vater oft genug abwesend oder zwar anwesend, aber nicht in der Lage ist, ein Gegengewicht zu bilden und ein Objekt der Identifikationsbedürfnisse des Jungen zu sein. Ist der Vater vorhanden, wird es scheinbar ein ödipales Dreieck geben; wenn das „ödipale“ Begeh-ren aber von der Mutter ausgeht und der Vater entweder darüber hinwegsieht oder ab und zu als kastrierender Rächer auftritt – dann spricht man von Pseudo-Ödipalität.
Familiärer Missbrauch ist immer auch Missachtung der Generationenschranke. Freud dachte, die Hysterika, vom Vater missbraucht, wird einen Sohn haben, der seine Tochter wieder missbrauchen wird. Oder mit Estela Welldon umgekehrt gedacht: Die Mutter, die ihre Tochter und besonders ihr Geschlecht ablehnt, trägt dazu bei, dass diese Tochter später ihren Sohn als männliche Ergänzung funktionalisiert, ihn in der Identifikation mit dem Aggressor für eigene Zwecke verwendet und sich sein Geschlecht aneignet. Der Sohn muss die Objekte seiner Sexualität wiederum durch Entpersönlichung beherrschbar machen, um ja nicht wieder unter eine Mutter-Macht zu geraten, und in der dann sexuell perversen Beziehungsgestaltung bringt er den Hass unter, der seiner Mutter gilt, wiederum missbräuchlich Grenzen überschreitend.

10:30 – 11:00 Uhr

Pause

11:00 – 12:00 Uhr

Sexuality, representation and the relation to the other


Elizabeth Allison

I will present a theory of psychosexuality that draws on the theory of self-development underpinning mentalization-based treatment. In ‘Instincts and their Vicissitudes’ Freud defines the drive as ‘a measure of the demand made on the mind for work in consequence of its connection with the body’. I will show how the experience of the sexual body presents a particular challenge for the developing psyche, since this is an area where the caregiver's mirroring of the infant's experience understandably tends to fail, and the consequent representational deficit drives the development of new interpersonal connections. I will touch on some implications of the theory for technique.

12:00 – 13:00 Uhr

Sex und Gender. Die Grenzen der klassischen Metapsychologie>


Susann Heenen-Wolff

Die konzeptuelle Kluft zwischen der in der Psychoanalyse als so determinierend angesehenen infantilen polymorph-perversen Sexualität und dem, was Freud an anderer Stelle recht normativ als „genitale“ Sexualität beschreibt, wird einer kritischen Analyse unterzogen. Am Beispiel vom Ödipuskomplex und dessen Untergang sowie der Sicht auf männliche und weibliche Psychosexualität werden strukturale Konzeptionen in der Metapsychologie aufgezeigt. Diese verleihen der psychoanalytischen Theorie im Rahmen zeitgenössischer Entwicklungen einen immer normativeren Charakter und müssen deshalb dekonstruiert werden. Nur dann kann die Psychoanalyse kritisch aufklärerisch an der Debatte um aktuelle Formen von Sexualität und Familienstrukturen teilnehmen. Es folgen Vorschläge zu einer präziseren Fassung der Polymorphie menschlicher Sexualität.

13:00 – 13:15 Uhr

Verabschiedung

Beate Unruh

Im Anschluss:

Ausgabe der Zertifizierungen

Die Psychotherapeutenkammer Berlin hat die Jahrestagung als Fortbildungsveranstaltung gem.
§ 95 d SGB V anerkannt und mit 12 Fortbildungspunkte (3/ 6/ 3) zertifiziert.
Entsprechende Teilnahmebescheinigungen erhalten Sie am Ende der Tagung gegen Abgabe Ihres persönlichen Barcode-Aufklebers oder nach Eintrag in die Unterschriftslisten im Tagungsbüro.